Klaviergeschichte - Piano Familystory

Ich erlebte gerade ein paar Tage lang ein Wechselbad der Gefühle. Vor zwei Wochen hatte ich nach 52 Jahren Durststrecke meine erste Klavierstunde. Gestern die zweite. Vorerst habe ich mit der Lehrerin abgemacht, dass die Klavierstunden 14-täglich stattfinden sollen. Und ich muss noch schauen, wie ich die Stunden finanzieren kann.

 

Ein paar Tage vor der zweiten Stunde stand ich spätabends an meinem Keyboard. Zuerst war ich glücklich, dass ich ein kleines Lied spielte und Akkorde dazu ausprobierte. Etwas ganz Einfaches. Ein russisches Wiegenlied, an dessen Melodie ich mich noch von meinen Klavierstunden vor 51 Jahren erinnerte.

Doch plötzlich wurde es bedrohlich. Panik explodierte. Als ich hin spürte, um herauszufinden, was da gerade passiert, wurde mir bewusst, dass es sich anfühlte, als würde ich etwas streng Verbotenes machen. Mir war zum Weinen. Dieses Gefühl ist auch heute noch da, aber nicht mehr so stark, wie vor ein paar Tagen.

Gestern, in meiner zweiten Stunde, war ich dermassen voll Adrenalin, dass es nicht wie sonst nach einer halben Stunde schon zu ersten Erschöpfungssymptomen (Long Covid) kam. Nach 55 Minuten war ich total überrascht, als das Glöckchen ertönte, das die Ankunft des nächsten Schülers anzeigte.

Mit sechs Jahren wünschte ich mir zu Weihnachten das erste Mal, Klavier spielen zu lernen. Ich bekam eine Mundharmonika. Mit sieben wünschte ich das zweite Mal, Klavier spielen zu lernen. Ich bekam eine Blockflöte. Der Wunsch blieb und wurde Jahr für Jahr zu Geburtstag und Weihnachten wiederholt und missachtet.

Als ich 14 war, befand mein Vater an Weihnachten, als ich für ihn Lieder sang, ich hätte so eine schöne Stimme und müsste mich doch begleiten können. Also bekam ich Gitarrenunterricht. Drei Monate lang hielt ich aus, dass ich bei diesem Lehrer "100 Mann und ein Befehl", "Wir lagen vor Madagaskar" und ähnliches spielen lernen sollte. Es war die Zeit u.a. der Beatles und Stones. Mir war, als würde ich mit schlechtem Essen gefüttert. Ich weigerte mich, weiter da hinzugehen.

Mit 15, 16 ging es um den Berufswunsch. Ich wollte ans Lehrer*innenseminar oder in die Kantonsschule, wo Schüler*innen sich auf die Matura vorbereiteten. Es hing vom Notendurchschnitt ab, in welche weiterführende Schule wir damals gehen durften. Seminar 4,5 (von 6 als Höchstnote), Kantonsschule eine 5 von 6.

Für das Lehrer*innenseminar war das Spielen eines Musikinstrumentes Pflicht. Ich erinnere mich so gut an das Haus in der Aarauer Altstadt, wo ein altes Klavier für mich aus dem Fenster gehievt wurde und wie es anschliessend in meinem Kinderzimmer stand. Misstönend, schlimmer gehts nicht. Mein Vater hatte 100 Franken dafür bezahlt.

Der Klavierstimmer beschied meinen Eltern, dass mit diesem Klavier nichts mehr zu machen sei. Mein Vater meinte, ich könnte ja noch darauf üben, worauf ihm der Klavierstimmer erklärte, dass dadurch mein Musikgehör kaputt gemacht würde.

Nun trat mein Vater nochmals in Aktion. Er ging mit mir ins nächste Musikhaus und kaufte mir ein neues Klavier. Ich glaube, es kostete 3000 Franken. Dazu bekam ich etwa zwei Monate Unterricht bei einer alten Dame. Kurz darauf zogen wir ins Zürcher Oberland, wo die Musikschule in die Schule integriert war. Der Unterricht war somit gratis. Bis zum Schulende bekam ich also noch fünf Monate lang wöchtentlich Unterricht bei Herrn Messikommer, der damals Musiker im Tonhalle-Orchester Zürich war (welches Instrument weiss ich nicht mehr).

Notiz am Rande: Im Dorf, wo ich aufgewachsen war, hatten zwei Familien sich bereit erklärt, mich aufzunehmen, damit ich in Aarau das Lehrer*innenseminar oder die Kantonsschule hätte absolvieren können. Für meine Eltern kam das nicht in Frage. Das einzige, was sie mir dann im Zürcher Oberland als "Ausbildung" anbieten wollten, war ein Jahr an einer privaten Handelsschule. Ein Graus.

Zürcher Oberland Winter 1972/73 Foto links von Freundin Yvonne S. Foto rechts von Cousin Martin L.

Nach Ende der Schulzeit hätten die Eltern den Klavierunterricht bezahlen müssen. Der Klavierlehrer erzählte meiner Mutter, ich hätte in den fünf Monaten aufgeholt, was die anderen in drei Jahren gelernt hatten. Darauf wurde der Unterricht gestrichen, man habe kein Geld dafür. Gleichzeitig verhinderten sie auch eine berufliche Ausbildung.

Ein Jahr später erfuhr ich allerdings, dass meine Eltern über 120.000 Franken auf einem Bankkonto hatten. Und es war nicht das einzige Konto.

Erst viel später wurde mir klar, dass der gestrichene Unterricht mit meiner Mutter zu tun hatte. Sie war es, die in unserer Familie künstlerische Tätigkeiten verhinderte. Sie warf Bilder meines Vaters weg ohne ihn zu fragen. Als ich drei Monate nach meinem Auszug, meiner Flucht, meine restlichen Sachen abholen wollte, hatte sie mein Tagebuch, meine Zeichnungen, meine tolle Manchesterjacke, einfach alles weggeworfen, was mir wichtig gewesen war.

Eifersucht und Neid sind keine guten Ratgeber.

Als ich 30 Jahre alt war und meine Matur nachholte, bat ich die Mutter darum, mich mein Klavier in meine Wohnung überbringen zu lassen.

Sie wollte es mir für 3.000 Franken verkaufen. Mein Klavier. Das mein Vater für mich gekauft hatte. Sie wusste, dass ich mein ganzes Geld für meine Berufsausbildung ausgeben musste, nachdem sie mir 10, 12 Jahre zuvor eine Berufsausbildung verhindert hatte.

Einschub:

Solche Geschichten habe ich im Laufe des Lebens übrigens von vielen Frauen gehört. Eine Konzertpianistin u.a. erzählte, im Haus ihrer Eltern stehe ein Flügel, der für sie gekauft worden war. Und obwohl sie in den 90ern, als ich sie kennenlernte, das Konservatorium längst abgeschlossen hatte und der Flügel im Elternhaus nicht gespielt wurde, erlaubte man ihr nicht, den Flügel zu sich zu nehmen. Erleb(t)en Jungen und junge Männer heute oder meiner Generation ähnliches? Oder ist/war das eine Bremse, die man v.a. Frauen und Mädchen angedeihen liess?

Später versuchte J., ihr Klavier für mich zu bekommen. Das klappte nicht. Ein weiteres Mal bekam ich eines geschenkt. Ich musste nur den Transport bezahlen. Da konnte ich dann allerdings die Reparatur nicht bezahlen. Und jetzt ist es endlich soweit. Erst wollte ich "nur" einen Rhythmikkurs besuchen. Hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen. Und weil es natürlich viel weniger kostet. Dann dachte ich, das kann doch nicht sein. Jetzt begrenze ich mich mit einem Rhythmikkurs auch noch selbst? Und versteh mich recht, den Rhythmikkurs betrachte ich nicht als nichts. Es wäre halt nur eine Fortsetzung von Mundharmonika, Blockflöte und Gitarre. Die ich alle liebe. Und doch ist es das Klavier, an das ich gehöre.

 

Da ist es doch gescheiter, meiner Sehnsucht zu folgen und endlich so recht und von Herzen spielen zu lernen.

 

JA.

Und diese Woche noch siehst du mich in ein Musikhaus gehen und schauen, welches E-Piano ich mieten kann.

Ah, und falls bei dir eins steht, das nicht mehr bespielt wird oder falls du weisst, wo eins steht, bin ich höchst dankbare Abnehmerin.

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For English speaking people. This time, pls use

Thank you.

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