Von einer, die auszog das Lachen zu finden

Ich bin so voll von all dem Schrecklichen, das derzeit in Europa Überhand zu nehmen droht, dass es mir ausserordentlich schwer fällt mich auf literarisches Schreiben zu konzentrieren. Ich verspüre grosse Mühe, manchmal auch Widerstand, mich darauf einzulassen. Das Leid der Geflüchteten, der Kampf gegen das Erstarken nationalsozialistischer Kräfte scheint so viel wichtiger. Und doch weiss ich, dass ich auf irgendeine Art schreiben muss, wenn ich meine Berufung, das Schreiben, wahr nehmen will.

Für den Moment also dies:

In meinen Ohren das ständige, dem Tinnitus ähnliche Rauschen, eine der vielen Folgeerscheinungen des Hashimoto, vermengt mit den Stimmen schweizerischer, europäischer Volksverhetzer, die mir in Radio und Fernsehen entgegenschlagen. Die Augen überreizt vom vielen starren auf die Twitter Timeline. In mein Gedächtnis eingebrannt Bilder von Gestrandeten und Ertrunkenen, von Steinmeeren in vormals blühenden syrischen Städten, von Naziaufmärschen mit genügend „Volk“, das sie begleitet oder vom Strassenrand her anfeuert; teilweise noch etwas unsicher und verschämt, aber doch öffentlich sichtbar ausgestreckte Arme mit nach unten gedrehten, angespannten Handflächen; Informationen, die vermuten lassen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Polizeicorps und ihrer Vorgesetzten die Rechtsradikalen schützt, agieren und agitieren lässt, bewusst erlaubt, dass sie schwer und über Jahrhunderte erkämpfte Ideale von Mitmenschlichkeit und Toleranz gegenüber anders Denkenden und anderer Lebensweisen erneut in den Boden stampfen. Fassungslosigkeit ob des hasserfüllten, ignoranten Habitus, der in die Medien gespült und wie Kot über uns ausgeschüttet wird. Ein rauchender Kopf von den zahllosen, pausenlos hereintickernden Nachrichten auf Twitter; ein Nebel, der meine Gedanken einhüllt, verhüllt, durchzieht, so dass ich mich bemühen muss, trotz Überdruss, sich wehrendem Magen und psychischer Erschöpfung meine Klarheit zu erhalten. Oft genug mein Körper ein einziges schmerzendes Herz, ein klagender Schrei.

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Ein Minimum an Entspannung dann, wenn es mir gelingt den Nachrichten ein, zwei Tage lang aus dem Weg zu gehen oder, entgegengesetzt, stundenlang Hintergrundinformationen zu lesen um mit vertieftem Wissen und mehr Überblick der Hilflosigkeit und der Ohnmachtsgefühle Herrin zu werden.

Wohltuende Entspannung dann, wenn ich mein Augenmerk bewusst auf Schönheit richte, sanfte oder zornerfüllte, bebende, bewegende Musik höre, Bilder und Fotos anschaue, die meine Seele trösten; wenn ich mich auf 140Zeichen-Texte und Karrikaturen konzentriere, die sich lustig machen über Rassisten, Fanatikerinnen und die Boshaftigkeit dieser Menschen, wenn ich mit anderen lachen kann über Witze und Cartoons. Lachen. Weinen. Zornerfüllt. Traurig. Atemlos. Verloren. Stark. Mutig. Verzweifelt. Singend. Zuversichtlich. Schnaubend. Bissig kommentierend.

Und immer wieder:                                                    Hinausziehen, die Schönheit und das Lachen zu finden.

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Dževad Karahasan, BuchBasel am 5. November
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Meral Kureishi, Elefanten im Garten an der Eröffnung der BuchBasel, am 5. November

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Th. nach der Eröffnung der BuchBasel
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Preisverleihung Schweizerischer Buchpreis, BuchBasel 8. November; 1. Preis an Monique Schwitter, Eins im Andern, vier 2. Preise an Ruth Schweikert, Meral Kureishi, Dana Grigorcea und Martin R. Dean,
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Fondation Beyeler, Riehen bei Basel
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Gerhard Richter, Birkenau, Fondatin Beyeler
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Kandinsky, Fondation Beyeler
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Nadeschda Udalzowa, Am Piano, Fondation Beyeler - die Unschärfe habe ich zu verantworten :)

                              Und die eigene Kreativität

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Rosmarie by AincaArt

  Und das tröstende Weinen mit dem kleinen Lachen darin

2011 in der Frauenkirche Dresden, Dirigent