Christine P. und ich

Christine P., Geschichte, Story, AincaArt, Ainca Gautschi-Moser, Foto und Text, Writer, Photographer, www.aincaart.ch, Quersatz,

Als ich es mit 17 zu Hause nicht mehr aushielt, packte ich heimlich ein paar Sachen und zog nach 11 Monaten aus dem Zürcher Oberland, wo es mir sonst schon auch gefallen hätte, weg. Es war nicht das erste Mal, dass ich ausriss. Doch das ist eine andere Geschichte.

 

Drei Monate später, als ich meine zurückgelassenen Besitztümer abholen wollte, musste ich feststellen, dass meine Mutter alles, was ich nicht hatte mitnehmen können, bereits weggeworfen hatte. Meine besten Zeichnungen, mein altes Tagebuch, meine Lieblings-Herbstjacke, Texte, meinen Handarbeitsordner. Alles. Alle meine Schätze.

Und von einer Herausgabe der Geschenke, Silberbesteck, Geschirrtücher und Bettwäsche, die ich von meiner Patentante und einer Nachbarin als Zugaben zu einer "Aussteuer" erhalten hatte, wollte sie nichts wissen. Als wir 39 Jahre später nach ihrem Tod ihr Häuschen räumten, fand ich mein Silberbesteck und die Geschirrtücher. Ungebraucht.

Denke ich an das Verhalten meiner Mutter zu mir, ihrem ersten Kind, dann stehen da lauter Warum im Raum herum. Und ein paar wenige mögliche Antworten.

Letzthin fragte mich eine junge Frau, wann ich mit Schreiben angefangen hätte. Mit 10 oder 11. Aber wieder aufgehört, weil man? eine bereits internalisierte Stimme? sagte: Das ist alles nur Bluff.

Drei Texte hatte ich aus meiner ersten Schreibzeit ins Erwachsenenleben hinüber retten können, fiel mir vor ein paar Tagen ein: Einen Aufsatz über das Vorurteil in "Andorra" von Max Frisch, ein Referat zum selben Drama und eine Geschichte, die ich kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag geschrieben hatte. Hier ist sie. Den Familiennamen im Titel habe ich verdeckt, weil ich eine Frau dieses Namens im Internet finden konnte. Die Mutter des Mädchens in der Geschichte trägt nach der zweiten Verheiratung nicht denselben Namen wie ihre Tochter. Und natürlich war der Text in dieser ersten Fassung nicht perfekt. Doch ganz gut gelungen. Da klopfe ich doch der 16jährigen in mir mal auf die Schulter :-)

An Unterkühlung starb in Gurtweil Christine P. (15), die aus einem Erziehungsheim ausgerissen war

Christine und ich lebten seit einigen, das heisst, eigentlich seit genau sechs Jahren zusammen in diesem Heim. Alles, was wir uns vornahmen, erledigten wir gemeinsam. Keine unternahm irgendetwas, ohne die andere vorher ins Vertrauen gezogen zu haben. So rissen wir auch einige Male zusammen aus. Ich möchte Ihnen hier erzählen, wie es dazu kam, dass wir uns so sehr schätzen lernten.

Christine lebte, bis sie acht Jahre zählte, bei ihrer Mutter. Der Vater war tot, bei einem Zugunglück ums Leben gekommen. Vier Jahre später heiratete Frau Walthers ein zweites Mal. Kurz darauf wurden dem neuen Ehepaar zwei Kinder geboren. Für Christine war nun kein Platz mehr in der engen, viel zu kleinen Wohnung. Ihre Eltern steckten sie in ein Erziehungsheim, welches von Nonnen geleitet wurde. Als wir uns später kennenlernten, erzählte sie mir, sie sei damals das erste Mal fortgelaufen. Sie wollte nach Hause, zu ihrer Mutter, weil sie glaubte, im Elternhaus Liebe und Wärme zu finden. Ja, das ist es, was uns allen fehlt, Christine und mir, den Heimkindern - Liebe und Wärme, Nestwärme!

Zurück zu Christine, sie hatte sich geirrt, unvorstellbar geirrt. Ihre Eltern brachten sie damals gleich wieder ins Heim zurück. Seither hatte sie ihre Mutter und den Stiefvater nur noch einmal gesehen. - In einem abgeschlossenen Raum eines anderen Heimes.

Und dann, vor sechs Jahren, trafen wir beide gleichzeitig hier ein. Schon nur aus dem Grund, weil wir die berüchtigt-berühmten Neulinge waren, schlossen wir uns einander an. Berüchtigt-berühmt deswegen, weil jedes Kind bereits von unser beider bewegtem Leben erfahren hatte. (Für die Heimleiter stelle ich ein gleiches Problem dar wie Christine.)

Nun zu den Ereignissen, welche sich vor zwei Wochen in unserem Zimmer abspielten.

Um 21 Uhr werden alle Türen des Heimes abgeschlossen. Wenn nun eine etwas später eintrifft, läutet sie, und sie wird ohne Aufhebens eingelassen. Kommt eine jedoch vielleicht eine Stunde später zurück, setzt es Prügel ab, an die sie ihr Leben lang denken wird.

Wir, Christine und ich, waren an jenem Abend mit einigen Jungen aus der Nachbarschaft spazieren gegangen und hatten uns in einer kleinen, rauchigen Wirtschaft häuslich niedergelassen, worüber wir die Zeit einfach vergassen. Wir verabschiedeten uns ungefähr zwei Stunden zu spät von den Jungen in sicherer Entfernung des Heimes. Trotzdem muss uns ein Heimleiter gesehen haben. Wir wurden ins Büro der Leiterin gerufen, und dort begann das Theater.

Wir kriegten Prügel, das Normale! Aber dann wurden Namen wie Strassenmädchen, Dirnen und Luder ausgeteilt. Wir waren wütend, beleidigt, gekränkt und das schlimmste, wir waren im Innersten verletzt.

Diese Geschehnisse lösten in uns eine unglaubliche Torschlusspanik aus. Wir gingen zuerst unberührt auf unser Zimmer, weinten uns aus und schmiedeten dann einen hieb- und stichfesten Plan. Wir rechneten: "Wenn uns ein Autofahrer mitnimmt, sind wir bereits an der Grenze, bevor die da unten (die Heimleiter) merken, dass die Zahl der Heimkinder um zwei gesunken ist. Wir wählen am besten den Fluchtweg über den Baum vor unserem Fenster. Über ihn gelangen wir gleich über die Mauer." Gesagt, getan. Wir packten in zwei Taschen die nötigsten Sachen und verschwanden. Alles lief reibungslos ab. An eines jedoch hatten wir nicht gedacht: wir waren müde zum Umfallen. Zweitens: es war eisig kalt, genauso kalt, wie es ist, wenn es in wenigen Stunden zu schneien beginnt. Und es begann sehr bald zu schneien. Zuerst flogen nur einige Flocken umher. Jedoch kurze Zeit später waren die Strassen, Häuser mit Schnee überdeckt. Wir warteten sehnsüchtig, vor Kälte schlotternd auf den Automobilisten, der uns mitnehmen würde. Aber die Strassen waren menschenleer und unsere Hoffnungen sanken immer mehr zusammen.

Hoffnungslos und müde, das ist ein gefährlicher Zustand, wenn die Kälte noch dazugerechnet wird. Das Verlangen nach Schlaf und Wärme wurde wach. Wieder einmal fanden wir keine Wärme. Schlafen! Aber wo?

Nach einigen Stunden anstrengenden Marsches war Christine so weit, dass auch ich sie nicht mehr davon abhalten konnte, sich niederzulegen in den kalten, gefährlich glitzernden Schnee.

Sie schlief gleich ein. Ich setzte mich zu ihr und versuchte, sie warm und mich wach zu halten. Sie warm zu halten, wäre mir sicherlich gelungen, wenn ich das zweite hätte tun können. Ich weiss nicht, wie lange ich schlief. Als ich erwachte lag Christine immer noch neben mir. Aber was war denn los mit ihr? Das Gesicht: weiss wie der Schnee, der sich um uns lagerte. Die Hände: kalt wie der Schnee, der sich ums uns lagerte. Sie war leblos, tot.

Einen Text neueren Datums "Ein kleines Wesen" findest du unter Buchenstäbchen